24. September 2018,

Beschämende Antworten

10. 06. 2015

Der Schriftsteller Ota Filip setzt sich mit dem vor 70 Jahren begangenen Mord an Pfadfindern auseinander, die gegen das NS-Regime kämpften


Nur vier Jahre lang führte ich Tagebuch, von 1944 bis Weihnachten 1947, damals war ich zwischen 14 und 17 Jahre alt. In den vergangenen sieben Jahrzehnten habe ich meine damaligen Eintragungen nicht mehr gelesen. Sie lagen im Keller in einer Kiste, in der ich auch meine ersten Liebesbriefe aufbewahre. Bis Ende April dieses Jahres fand ich allerdings nicht den Mut, sie mit den 130 Seiten meines Tagebuches zu lesen oder als meinen Vorlass dem Mährischen Landesmuseum in Brünn zu übergeben. Eigentlich sollten die Tagebücher und meine naiven Liebesbriefe mein Geheimnis bleiben. Ich dachte sogar daran, sie zu verbrennen. Es kam jedoch anders.

Ende April machte mich ein Essay meiner Pfadfinderkameradin Jitka Radkovičová auf den 70. Jahrestag der von Wilhelm Lehmann, Gestapochef von Mährisch Ostrau, angeordneten Hinrichtungen von acht Pfadfindern und weiteren 70 Tschechen aufmerksam. Radkovičová schreibt und publiziert viel über den Widerstand der tschechischen Pfadfinder gegen die Nazis. Die acht Pfadfinder wurden am 24. April 1945 auf dem alten jüdischen Friedhof in Teschen (Cieszyn) als Widerstandskämpfer von der Gestapo durch Genickschuss ermordet – in Gräbern, die sie selbst ausheben mussten.

In Mährisch Ostrau, etwa 20 Kilometer Luftlinie von Teschen entfernt, wussten wir einige Tage vor dem Ende des Krieges nichts über die Morde auf der polnischen Seite des Flusses Olsa. Ihre letzten Opfer und ihr letztes Verbrechen organisierte die Ostrauer Gestapo im Geheimen, und nicht in der Stadt, von der die Rote Armee nur noch wenige Kilometer entfernt war.

Nachdem ich den Artikel von Jitka Radkovičová über die Morde auf dem Friedhof in Teschen gelesen hatte, stellte ich mir die Frage: Was hast du, damals vierzehn Jahre alt, in der Morgendämmerung des 24. April 1945 gemacht, als das Donnern der sowjetischen Kanonen unsere Fensterscheiben zum Klirren brachte und die Gestapo acht tschechische Pfadfinder erschoss?

Ich suchte nach einer – für mich beschämenden und beunruhigenden – Antwort, und fand sie in meinem Tagebuch. Über den Eintrag auf 31 handgeschriebenen Zeilen vom 24. April 1945, es war ein Dienstag, war ich siebzig Jahre danach erschüttert.

Kein Held
Darin stellte ich fest, dass Herr Surý, Besitzer eines Sägewerkes in den mährischen Beskiden, schon nach Mitternacht damit begonnen hatte, seinen vor unserer Wohnung in der damaligen Johannisstraße 41 geparkten Lkw mit unseren Wertsachen zu beladen. Als ich vom Vater um sechs Uhr an einem sonnigen und warmen Frühlingstag geweckt wurde, schien mir das Donnern der russischen Kanonen am westlichen Stadtrand in der Nacht näher gekommen.

In fünf pathetischen Sätzen beschrieb ich meine Sorge um meine damals geliebte Eva Schubert, die Tochter eines Arztes und Nationalsozialisten. Und als nach Sonnenaufgang eine sowjetische Granate hinter dem Neuen Rathaus einschlug, bedauerte ich im Tagebuch, dass ich erst vierzehn bin – zu jung, um gegen die Nazis zu kämpfen. Ich wollte unbedingt noch etwas erleben, bevor der Krieg zu Ende geht. Und nicht in einem mit Bildern, Porzellan und Mutters Perserteppichen bepackten Lkw aus meiner Heimatstadt an den Fuß des heiligen Bergs Hostýn (Hostein) flüchten, wo mein Vater ein Haus hatte.

Am Ende meines Eintrags vom 24. April stand, wie ungerecht ich es fand, dass ich in diesem Krieg nicht die Chance bekommen hatte, ein Held zu werden und mit meinen kriegerischen Taten im Kampf gegen das Böse vor Eva Schubert zu prahlen, die allerdings bis zuletzt fest mit einem Sieg des Dritten Reiches rechnete.

Damals war ich fest davon überzeugt, dass Vladimír Čermák und Otto Klein – die 20 Jahre alten Führer der Ersten Pfadfinderabteilung in Mährisch Ostrau, der ich bis 1939 selbst angehörte – als Partisanen gegen die Nazis kämpfen oder im Widerstand aktiv sind. Auch ich wollte dabei sein, es war ungerecht. Kurz vor dem Morgengrauen des 24. April, als sich das Kanonenfeuer verstärkte und ich vor der Abfahrt in die Hosteiner Berge in mein Tagebuch schrieb, konnte ich nicht wissen, dass genau zu dieser Zeit die ersten der acht Pfadfinder, darunter Vladimír und Otto, von einem Gestapomann erschossen wurden.

Vergessener Widerstand
In den siebzig langen Jahren, die seit April 1945 vergangen sind, habe ich die wenigen Tage vor Kriegsende und die von der Gestapo vollstreckten brutalen Morde an den acht Pfadfindern aus Mährisch Ostrau nicht vergessen. Ich habe ihr tragisches Schicksal nicht verdrängt, jedoch nie den Mut gefunden, die Seite 54 in meinem Tagebuch aufzuschlagen, zu lesen und mich für meinen Eintrag vom 24. April 1945 zu schämen.

Erst unlängst habe ich im ausführlichen Bericht meiner Pfadfinderkameradin Jitka Radkovičová und in der gründlich recherchierten Abhandlung von Mečislav Borák, Historiker an der Universität Troppau (Opava), über die kurz vor Kriegsende aus der Sicht der Gestapo „reibungslos“ durchgeführten Morde in Teschen gelesen. Mit Genugtuung nahm ich wahr, dass nicht nur Historiker die Erinnerung an die ermordeten Pfadfinder lebendig halten – wenn auch mit einer Verspätung von sechs Jahrzehnten nach der kommunistischen Machtergreifung im Jahr 1948.

Während der Herrschaft des kommunistischen Regimes galt für Historiker und Publizisten, die über die fast sechs Jahre der nationalsozialistischen Okkupation des „Protektorates Böhmen und Mähren“ forschten und schrieben, die ideologische Vorgabe, dass nur Kommunisten im Widerstand aktiv waren und dass alle „bourgeoisen“ Versuche, das NS-Regime zu bekämpfen, entweder kläglich gescheitert oder nur als eine Randerscheinung zu bewerten sind. Der Widerstand der von der Gestapo hingerichteten Ostrauer Pfadfinder wurde von den marxistisch-leninistisch orientierten Historikern aus der Geschichte des tschechischen Widerstandes gegen die Nationalsozialisten gestrichen.

Steine aus aller Welt
Im Oktober 1946 stellten tschechische Pfadfinder in Sichtweite von Teschen auf einem Berghang namens Ivančena in den schlesischen Beskiden ein Kreuz auf, um an ihre acht von den Nazis ermordeten Kameraden zu erinnern. Weil es auch Schneestürme überstehen sollte, verankerten sie es mit Steinen. Schon bevor der Winter 1946 einbrach, stellten die Pfadfinder fest, dass der Hügel aus Steinen rund um das Kreuz weiter wuchs, dass immer mehr Wanderer Steine aus ihren Wohngebieten zum Kreuz hinauftrugen.

Heute „wächst“ dort meiner Meinung nach noch immer eine zeitgenössische „Gebetsmauer“, die seit sechs Jahrzehnten mit Steinen aus aller Welt gebaut wird. Sogar der amerikanische Astronaut Neil Armstrong legte an der Ivančena einen kleinen Mondstein in die Nähe des Kreuzes. Fachleute schätzen, dass für den Transport des steinernen Denkmals mittlerweile an die dreißig Eisenbahnwaggons notwendig wären.

Zwischen 1948 und 1989 spielten sich auf den Wanderwegen hoch auf den Hang vor allem an den Jahrestagen der Ermordung absurde Szenen ab: Die Polizei kontrollierte jeden, der hinauf wandern wollte, nahm die Personalien auf und „beschlagnahmte“ auch den kleinsten Stein, den sie in den Rucksäcken und Taschen der Wanderer fand. Oben beim Denkmal waren dann „Filmleute“ am Werk, die angeblich fürs Fernsehen und für die Wochenschau arbeiteten. Sie versuchten, die Gesichter der Wanderer ins Bild zu bekommen, die am Kreuz beteten oder es schafften, einen Stein auf das in Europa einmalige Denkmal zu legen.

Wenn Sie einmal in den Mährisch-Schlesischen Beskiden wandern sollten, steigen Sie die zwei Stunden zum Pfadfinderdenkmal Ivančena hoch. Nehmen Sie einen Stein aus Ihrer Heimat mit und legen Sie ihn in der Nachbarschaft des sagenumwobenen Kahlbergs (Lysá hora) zu den Millionen Steinen, die Wanderer vor Ihnen zu Ehren und in Erinnerung an die tapferen Pfadfinder hinaufgetragen haben.


Der Autor
Ota Filip wurde 1930 in Mährisch Ostrau geboren. Nach einem Studium der Literatur und Journalistik arbeitete er als Redakteur für verschiedenen Zeitungen und im Rundfunk. Aufgrund kritischer Äußerungen wurde Filip 1960 aus der Kommunistischen Partei ausgeschlossen. Für sein schriftstellerisches Schaffen wurde er mehrfach ausgezeichnet. Unter anderem erhielt er 1986 den Adelbert-von-Chamisso-Preis für deutschsprachige Migranten­literatur. Der damalige tschechische Präsident Klaus überreichte Filip 2012 den Staatspreis für besondere Verdienste im Bereich der schönen Künste. Berühmt machten den Exilautor frühe Werke wie „Das Café an der Straße zum Friedhof“, „Die Himmelfahrt des Lojzek Lapáček aus Schlesisch Ostrau“ und „Café Slavia“. Seit 1974 lebt Filip in Deutschland.   (PZ)

Text: Ota Filip, Foto: Jan Krömer

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