17. August 2017,

Bilder einer vergessenen Welt

Vier albanische Babys warten auf die Befreiung. Kosovo, 1990

15. 03. 2016

Die Galerie Zahradník zeigt Aufnahmen von Hans Madej. Im Interview spricht der Fotograf über seine Sehnsucht nach dem Osten

 

Ende der achtziger Jahre reiste Hans Madej, geboren 1953, fast vier Jahre lang durch Osteuropa, um das Leben in der Zeit des politischen Umbruchs mit der Kamera festzuhalten. Im Osten liegen auch seine Wurzeln, wie er sagt. Seine Mutter wurde als Sudetendeutsche in der Nähe von Reichenberg (Liberec) geboren. Sein Vater stammt aus Krakau und war ebenfalls Fotograf. Nach dem Krieg tauschte er seine Bilder gegen Lebensmittel. Als Hans Madej 14 Jahre alt war, beging sein Vater Selbstmord. Was dem Sohn blieb, war eine Dunkel­kammer und eine Rolleiflex-Kamera. So wurde die Fotografie zum Inhalt seines Lebens. Ab Donnerstag gibt die Galerie Zahradník in der Neustadt einen Einblick in das Werk Madejs. Die Ausstellung „Über das Ende der grauen Tage, als der Eiserne Vorhang fiel“ zeigt bewegende Bilder aus dem Osten Europas.


Was hat Sie nach Osteuropa gezogen?

Nach Jahrzehnten der Erstarrung folgte plötzlich eine ungeheure Beschleunigung. Eherne Denkmäler stürzten, rote Sterne fielen, Flaggen wurden zerschnitten. Alles geschah über Nacht. Jiří Dienstbier war schon Außenminister, als er noch eine Schicht als Heizer absolvieren musste. Diesem Sog der Ereignisse konnte ich mich als Reporter nicht entziehen. Im Osten hatten archaische Lebensformen überlebt. Einige Stunden Bahnfahrt und schon entdeckte man Pferdefuhrwerke auf Kopfsteinpflaster, Wind- und Wassermühlen, wo tatsächlich noch Mehl gemahlen wurde. Im Osten konnte man auf eine längst vergessene Welt stoßen, schön wie die Fliege im Bernstein. Allerdings genauso einseitig schön, nämlich nur für den Betrachter. Die Dörfer und Gesichter, die ich fotografiert habe, waren Mahnmale eines Raubzuges und Bastionen des Widerstandes dagegen.

In einem Bergdorf in Bulgarian, 1990

Welche Ereignisse haben Sie besonders bewegt?

Rückblickend waren es weniger einzelne Ereignisse, als vielmehr die Tatsache, dass ich auf meinen Reisen großartige Schätze entdeckte: Mut und Integrität, Kameradschaft, Familienleben, Zeit und Raum für ernsthafte Gespräche, Ruhe. Der privilegierte Besucher aus dem Westen neigt dazu, diesen Zustand zu idealisieren – denn er genießt die Vorteile, ohne die Kosten tragen zu müssen. Und doch frage ich mich heute, ob diese Schätze die damalige Befreiung überlebt haben. Oder ob dieses Ethos der Solidarität nur durch eine augenblickliche Schicksalsgemeinschaft leben konnte.

Sind Sie mit Ihrer Kamera jemals in Schwierigkeiten geraten?

Für den „Stern“ habe ich 1988 die ersten Bilder von der planmäßigen Vernichtung der rumänischen Bauerndörfer unter Ceaușescu in den Westen gebracht. Dadurch geriet ich ins Visier der Securitate. Für „Geo“ war ich ohne Visum heimlich in der Todeszone von Tschernobyl unterwegs und habe von Menschen berichtet, die unerlaubt wieder in ihre verstrahlten Dörfer zurückgekehrt waren. Schließlich erlebte ich den Bürgerkrieg, den von Gewalt und Zwangsmigration geprägten Umbruch im ehemaligen Jugoslawien mit lebensgefährlichen Situationen. Ständig wurde ich von Soldaten und Polizisten aufgehalten. Ständig die nagende Angst, dass mein Filmmaterial beschlagnahmt wird, dass ich des Landes verwiesen oder sogar festgenommen werde.

Worum geht es Ihnen bei der Ausstellung, die in Prag zu sehen ist?

Meine Bilder sollten den Betrachter unmittelbar teilnehmen lassen an den kleinen Gesten des täglichen Lebens. Ich will die Erinnerung an eine Lebensform wachhalten, für die es in der modernen Welt keinen Raum mehr gibt. Und das Erinnern der einseitig auf das Morgen orientierten Welt entgegensetzen. Wichtig ist mir auch, mit den Bildern das Individuum gegen die zerstörerischen Kräfte der Geschichte zu verteidigen.

Kohlearbeiter in Bulgarien, 1990

Was macht eine gute Fotografie in Ihren Augen aus?

Wenn ein Bild fast 30 Jahre nach seinem Entstehen noch immer ausgestellt wird, ist das für mich bereits ein Kriterium für seine Qualität. Gute Bilder sind immer Marksteine – nicht nur in der Geschichte der Fotografie. Diesen Bildern wohnt ein Mitgefühl inne, das jede Gleichgültigkeit widerlegt und jeder allzu billigen Hoffnung unversöhnlich gegenübersteht. Ein gutes Bild zeigt auch immer etwas Unsichtbares: Es ist der Ausdruck für die Unzulänglichkeit des Existierenden. Es sollte meiner Ansicht nach dem Vergänglichen Sinn und Wert verleihen und den Wunsch nach einer menschlicheren Welt ausdrücken.



Über das Ende der grauen Tage, als der Eiserne Vorhang fiel. Galerie Zahradník (V Jámě 8, Prag 1), geöffnet: täglich außer montags 11 bis 19 Uhr, Eintritt: 60 CZK (ermäßigt 40 CZK), bis 1. Mai, www.zahradnik.pro

Interview: Franziska Neudert, Foto: Hans Madej

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