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Kultur
Mit der Scher die Daumen ab
26. 5. 2004

Der Struwwelpeter wurde erstmals ins Tschechische übersetzt.

Struwwelpeter, Zappel-Philipp und Hans-Guck-in-die-Luft begleiten die Deutschen schon seit 160 Jahren und sind längst auch in den alltäglichen Sprachgebrauch übergegangen. 1844 schrieb Heinrich Hoffmann seine Verse zu Weihnachten für seinen Sohn, 1845 wurde sein Werk erstmals verlegt. Seither sind viele Generationen mit dem Kinderbuch  „Der Struwwelpeter“ groß geworden. Die einen betrachten ihn als überlieferten Klassiker, den anderen scheint er mit seiner bürgerlichen abschreckenden Pädagogik als Kinderbuch heutzutage völlig ungeeignet. Nun wurde der Struwwelpeter erstmals in die tschechische und damit überhaupt in eine slawische Sprache übersetzt, und zwar vom Leiter des Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds Tomáš Kafka. Kofinanziert wurde die tschechische Ausgabe von der Deutschen Botschaft in Prag, die das Buch damit zum geeigneten Vermittler deutscher Kultur kürt.

Dabei ist die Hoffmannsche Drohpädagogik unter deutschen Eltern längst out. „Bautz! Da geht die Türe auf, und herein im schnellen Lauf springt der Schneider in die Stub zu dem Daumen-Lutscher-Bub. Weh! Jetzt geht es klipp und klapp mit der Scher die Daumen ab, mit der großen scharfen Scher! Hei! Da schreit der Konrad sehr.“ Autoritär vermittelt Hoffmann anhand unterschiedlicher Kinderfiguren die bürgerliche Moral seiner Zeit: Du sollst nicht Daumen lutschen! Du sollst nicht am Tisch zappeln!  Wer nicht folgt, wird bestraft. Spätestens seit den 70er Jahren und der antiautoritären Erziehung ist diese Art der Disziplinierung für Deutschland nicht mehr repräsentativ.
„Man sollte dieses Buch sicher nicht unkommentiert im Ausland vorstellen, sonst könnte ein seltsames Stereotyp des Deutschen entstehen“, glaubt Sozialwissenschaftler Professor Winfred Kaminski, der sich in seiner Forschung intensiv auch mit dem Struwwelpeter befasst hat. Kaminski zählt den Struwwelpeter zum allgemein akzeptierten Kulturgut. Dadurch hat Hoffmann wesentlich zur Entwicklung der Comic-Literatur beigetragen. Sprüche wie „Und die Mutter schaute stumm auf dem ganzen Tisch herum“ sind in die Alltagssprache eingegangen. Das Zappel-Philipp-Syndrom nennen einige Psychologen die Krankheit ADS bei hyperaktiven Kindern. „Eine Übersetzung nach so vielen Jahren ist daher aus kulturhistorischer Sicht interessant“, erklärt der Wissenschaftler, „Als Kinderbuch jedoch ist der Struwwelpeter überholt.“ Ebenso wie das Bild des Kindes: „Die Kinder gebärden sich als ungeheure Wesen die nur stören, zerstören und sich selbst zerstören.“...

Den gesamten Artikel können Sie in der Druckausgabe der Prager Zeitung oder in unserem ePaper lesen.

Heinrich Hoffmann: Ježipetr aneb veselé historky a žertovné obrázky, Verlag Kalich, Prag 2004, übersetzt von Tomáš Kafka, mit deutschem Originaltext im Anhang, 34 Seiten, 100 Kronen.



Von Renate Zöller
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