www.castlesteps.de
www.castlesteps.at
www.castlesteps.ch
www.castlesteps.com

Schönheitsoperationen in Tschechien: www.cz-wellmed.de





Prager Zeitung

2. 9. 2010, 21:31
  Home   Aktuell   Thema   Politik   Wirtschaft   Stadtmagazin   Gesellschaft   Mitteleuropa   Prag   Kultur   Regionen    Sport   Reisen
 PZ-Specials
 Auto
 Gesundheit
 Immobilien
 Recht & Steuer
 Tourismus
 Bildung & Karriere
 Verkehr & Logistik
 Kleinanzeige
 Abos
 Anzeige
 Fakten & Zahlen
 Redaktion
 Kioskverkauf
 Jobs bei der PZ
 Stellenangebote
 Links






Kultur
Vor dem Mausoleum rollen die Skater
17. 9. 2003

Die nationale Gedenkstätte auf dem Vítkov ist verwaist – und niemand weiß, was man aus ihr machen soll.

Kampfeslustig starrt der einäugige Hussitenführer Jan Žižka auf seinem Pferd gen Westen. Auch wenn der Krieger sich nicht von seinem steinernen Sockel rühren kann, ist er immer noch Streitstifter Nummer Eins im Prager Stadtteil Žižkov. Stadtverwaltung, Museumsangestellte und ein hartnäckiges Klübchen engagierter Bürger hadern seit Jahren miteinander, was mit dem Nationaldenkmal und Gottwald-Mausoleum auf dem Berg Vítkov passieren soll.
Neun Meter hoch ist das Reiterdenkmal vom Bildhauer Bohumil Kafka, angeblich das größte Europas. Das sakrale Riesen-Bauwerk dahinter – zu stalinistischen Zeiten letzte Ruhestätte für die kommunistische Parteispitze um Arbeiterpräsident Klement Gottwald – war ein Propagandatempel des tschechoslowakischen Sozialismus. Aber seit 1989 ist das Ziel unzähliger Schulausflüge unpopulär geworden.

Pilgerstätte für Ewiggestrige

Um Missverständnisse zu vermeiden und den Ewiggestrigen keine Pilgerstätte zu bieten, hat das Kultusministerium nach der Samtenen Revolution die Pforten geschlossen. Sicherheitshalber wurden die Gebeine der hier begrabenen Parteibonzen exhumiert und an die Verwandten zurückgegeben. Seither weiß niemand so recht, was mit den einst heiligen Hallen geschehen soll.

„Den Festsaal mit seiner ausgezeichneten Akkustik und einer Orgel mit 47 Registern könnte man nutzen als Konzertsaal, als Übungsraum und Aufnahmestudio oder für größere Aktionen, die mit der historischen Mission dieses Ortes übereinstimmen“,schlug  1991 die Bezirksvertretung von Prag-Žižkov vor. Seine Bedeutung als sozialistisches Erbe sollte eher heruntergespielt werden: „Alle Symbole, die an die totalitäre Zeit erinnern, müssen entfernt und in der Deposition der Staatlichen Galerie gelagert werden.“

Es dürfte jedoch kaum gelingen, die Uhren zurückzudrehen in der Gedenkstätte, die vielen Tschechen bekannt ist. „Das Gebäude war zu eng mit dem Kommunismus verknüpft“, erklärt Historiker Marek Junek, Mitarbeiter der Abteilung Neuzeit der National-Galerie.
Entsprechendes Desinteresse in der Bevölkerung und Hilflosigkeit in den Ämtern haben den einäugigen Reiter verwaisen lassen. Jetzt wächst zwischen den Steinplatten Gras, der umliegende Park wird nur von wenigen Hundehaltern und Sonnenhungrigen benutzt. Innen gibt es feuchte Wände, es riecht muffig. Auf der breiten Prachtallee, die von Osten her zum Monument führt, üben vereinzelt Skater. „Vitkov ist total tot“, klagt Jan Schroth von der Bürgervereinigung Vítkov.

Žižka kämpfte auf Vítkov

Dabei ist Vítkov keineswegs nur Symbol für kommunistischen Personenkult. Žižkas Idee, sich hier den katholischen Ritterheeren entgegenzustellen begründete den Ruhm des Berges. In Zeiten der nationalen Besinnung wurde die husitische Bewegung mit ihren Führern zum Symbol tschechischer Identität. Der 1877 in der Žižkover Kneipe „Deklarace“ entstandene Plan, dem Volkshelden ein Denkmal zu setzen, wurde daher von der Bürokratie der k.u.k. Monarchie abgelehnt. Erst nach dem Zusammenbruch des Vielvölkerstaates konnte der Denkmalbau in Angriff genommen werden, nun gleich auch als Gedenkstätte für die im Ersten Weltkrieg gefallenen Soldaten der Tschechoslowakei.

Am 8. November 1928, dem Jahrestag der Schlacht auf dem Weißen Berg, wurde endlich vom ersten tschechoslowakischen  Staatspräsident, Jan Masaryk, der Grundstein gelegt. Genau zehn Jahre später sollte die feierliche Eröffnung stattfinden. Aber 1938 ließ das Münchener Abkommen wenig Lust zum Feiern aufkommen.
Ironisch kommentiert Marek Junek: „Erst ab 1939 beginnt endlich die belebte Geschichte des Denkmals - die Hallen dienten im Zweiten Weltkrieg der deutschen Wehrmacht als Lager für ihre Uniformen.“ Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde entschieden, dass das Mahnmal auch den Gefallenen des Zweiten Weltkriegs zu widmen sei. 1948 berücksichtigte ein neuer Entwurf dann auch die getöteten Soldaten der Sowjetarmee. Und damit begann die sozialistische Vereinnahmung, die den Umgang heute so schwierig macht.

Als 1953 Klement Gottwald, erster Staatspräsident der ČSSR, starb, wurde er nach Moskauer Vorbild einbalsamiert. Doch Vitkov sollte nicht lange als Mausoleum dienen. Gottwalds Körper zerfiel. Unaufhaltsam. Jeden Abend wurde er neu einbalsamiert, sowjetische Wissenschaftler wurden eingeflogen, um dem Verfall Einhalt zu gebieten.

Misslungene Einbalsamierung

Aber da war nichts zu machen. „Gottwalds starker Alkoholismus und eine Syphilis zum Todeszeitpunkt machten seine sterblichen Überreste untauglich für die Ewigkeit“, grinst Junek. Die Haut löste sich, dann mussten die Beine amputiert und mit Holz ersetzt werden. Schließlich wurde er 1962 verbrannt und beerdigt.
„Die Tschechen mögen dieses Denkmal nicht, weil sie die kommunistische Zeit lieber verdrängen möchten. Aber sie müssen sich ihrer Geschichte stellen, auch die unangenehmen Seiten gehören zur Identität“, meint Peter Morée, seit 1993 Dozent an der Evangelischen Fakultät der Karls-Universität. Als einer der Wenigen möchte er seinen Studenten die Faszination dieses Ortes vermitteln. Besonders bewegt ihn die Nähe von totalitärem Kitsch und religiösen Motiven.
Durch die bewegte Geschichte des Denkmals werden hier Dinge zusammengeführt, die sich scheinbar widersprechen. Im Hauptsaal schwebt hoch über dem Auditorium ein leidender Engel. Hinten, unter der Orgel aus dem 19. Jahrhundert bewachen zwei revolutionäre Arbeiter den Eingang. Der wiederum erinnert mit seiner Heilsgeschichte des tschechoslowakischen Staates an die Portale großer Kathedralen. In einer antireligiösen Krypta stehen die marmornen Särge der Partei-Elite, mit Siegeskränzen statt Kreuzen geschmückt.

Ob sich die Gedenkstätte doch noch für die Ewigkeit erhalten lässt, ist unklar. Die Stadt versucht seit 1989 den unliebsamen Balast zu vergessen. Einzelne Projektausschreibungen verliefen im Sand. Mal war den Stadtvätern die Idee zu provokant, mal sollte Vítkov zum Aussichtsturm umgebaut oder ein Club eingerichtet werden. „Vítkov ist ein Spiegel für die Schwierigkeit der Tschechen, mit ihrer Geschichte umzugehen“ erklärt Morée.

Bürgerinitiative Vítkov

Im Jahr 2000 bildeten eine Handvoll junger Leute die  Bürgerinitiative Vítkov. Sie veranstalteten Pressekonferenzen mit Architekten, Historikern und Politikern um dem stummen Riesen Gehör zu verschaffen. Die Stadt übergab deshalb Vítkov dem tschechischen Nationalmuseum, dessen damaliger Direktor Sploukal sich über das Geschenk nicht gerade begeistert zeigte.

Jan Schroth von der Bürgerinitiative wirft auch dem Nationalmuseum Ideenmangel und fehlerafte PR vor. „Niemand hat die Kraft, eine klare Entscheidung zu treffen, zu sagen: Die Gedenkstätte muss weg, oder: Es muss etwas verändert werden“, schimpft er.

Jetzt gibt es allerdings einen neuen Direktor, Milan Lukeš. Und der hat auch schon ein neues Projekt entworfen und eine neue Ausschreibung angekündigt. Seine
Vorstellung: Hier wird ein Museum für Totalitarismus eingerichtet, das Gebäude wird restauriert und alles bleibt erhalten. Zusätzlich wird eine Ausstellung installiert. Damit könnten sich auch die unbequemen Aktivisten anfreunden.

Bisher bestaunen jedoch nur einmal monatlich Besucher die Prunkhallen. Die endgültige Eröffnung des neuen alten Museums ist erst für das Jahr 2008 geplant. Und bis dahin, so Schroth, „ist das Projekt nur ein paar Seiten Papier. Nichts Konkretes.“ Da wird der streitsame Reiter Žižka wohl auch weiterhin mit seinem Morgenstern die Prager zum Kampf anstacheln müssen.

Jeden ersten Sonntag im Monat kann ab 14 Uhr das Gebäude besichtigt werden.

Busstation U památníka,
Bus 133,207
oder Metrostation Florenc,
10 Minuten Fußweg
www.pamatnik-vitkov.cz



Von Renate Zöller
In der nächsten Ausgabe
Umfrage
Welches Ressort interessiert Sie in der "Prager Zeitung" am meisten?

Politik (96)


Wirtschaft (36)


Stadtmagazin (76)


Tourismus (36)


Gesellschaft (17)


Kultur (60)


Sport (18)


Die meistgelesenen Artikel
E-Paper
Name:
Passwort:

top
©2010 Prager Zeitung
Ein Produkt der Prago Media GmbH
Prager Zeitung
Orlická 9
130 00 Praha 3
Tel: +420 / 222 250 125, 222 253 379, 222 210 959, 222 252 530
Fax: +420 / 222 253 379
info@pragerzeitung.cz
redakční systém Saluki