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Kultur
Polnische Literatur: Pawel Huelle, Marek Lawrynowicz
23. 4. 2003

Im Mercedes-Benz durch die polnische Geschichte und Polnische Schelme auf wodkagetränkter Wanderschaft

Im Mercedes-Benz durch die polnische Geschichte
Pawel Huelles neuer Roman ist ein Sendschreiben an sein verstorbenes Vorbild Bohumil Hrabal

„Milý pane Bohušku, a tak zase život udělal mimořadnou smičku“ - Lieber Herr Bohumil und wieder hat das Leben einen außerordentlichen Bogen geschlagen.
Mit diesem tückischen tschechischen Satz lässt der polnische Autor Pawel Huelle in seinem Roman Mercedes-Benz gleich von Anfang an das Leitmotiv aufscheinen, das sich durch das ganze Buch zieht. Der Satz ist tückisch, weil er einen unübersetzbaren Doppelsinn birgt. Er kann nämlich auch heißen: Und wieder hat das Leben eine außerordentliche Schlinge geknüpft.

Huelles Roman schildert Polen - von der Zeit zwischen den zwei Weltkriegen bis zur neuen kapitalistischen Gesellschaft, vom heute ukrainischen, ehemals polnischen Lemberg bis zum heute polnischen, ehemals deutschen Danzig. Erzähler ist ein Fahrschüler, der Fräulein Ciwle, die schöne Fahrlehrerin, mit seinen Familiengeschichten beeindrucken will. Da seine Fahrkünste eher bescheiden sind, setzt er in einem naiv-raffinierten Balzritual auf seine narrativen Fähigkeiten. Für den Leser bringt das Spannung - schafft er es? - und Kurzweil: In bunten Einzelbildern wird polnische Familiengeschichte erzählt, in der immer wieder Fahrzeuge der Marke Mercedes-Benz auftauchen - als Symbol von durchaus wechselndem und widersprüchlichem Gehalt: Als Zeichen stehen sie mal für kultivierte bürgerliche Lebensart, mal für die Sehnsucht nach einem besseren Leben, mal für den jähen dubiosen Aufstieg der neureichen Klasse.

In den Familiengeschichten scheint also die polnische Geschichte auf -so wie Huelle sie sieht. Und dessen heimliches Thema sind jene kurzen Momente in der Historie, welche für die Menschen eine jähe Wende bringen - sie aus einer Epoche, die unwiderbringlich verloren ist, jäh in eine andere stoßen.

So wird für Karol, den Großvater des Erzählers, nach Beginn des Zweiten Weltkrieges seine private Fotosammlung unversehens zu einem Zeugnis einer untergegangenen Welt: „Als er schließlich zuhause war, schaute er, statt zur Arbeit in die inzwischen deutsche Fabrik zu gehen, tagelang alte Fotos an, ordnete sein Archiv, trug auf der Rückseite fehlende Daten, Personennamen und Orte ein, und er spürte, dass die jetzt wieder aufgerollte Zeit nicht mehr den gewöhnlichen Katalog der Erinnerungen enthielt, dass die mit dem kühlen Objektiv der Leica eingefangenen Augenblicke sich zu einem völlig neuen Buch fügten, dass er nie zu schaffen beabsichtigt hatte“.
Der Roman selbst gibt sich als Sendschreiben an einen 1997 Verstorbenen - den tschechischen Schriftsteller Bohumil Hrabal. Huelle belässt es nicht bei der einfachen Namensnennung Hrabals, er gleicht sich dem Ton Hrabalschen Erzählens an: Jenem scheinbar ohne Absicht dahinströmenden Reden, das an der Oberfläche den Tratsch Prager Wirtshäuser nachahmt und doch voll kalkulierter, sich bis zum Grotesken und Absurden steigernder Komik ist. Und Huelle steigert das Tempo am Ende des Romans, wie sein Vorbild Hrabal in „Ziemlich laute Einsamkeit“ zu einem Allegro furioso. Dieses freilich verklingt bei Huelle - und hier hören die Gemeinsamkeiten auf - in einer melancholischen Coda.

Doch so groß die stilistischen und kompositorischen Ähnlichkeiten auch sind, die Geschichtsauffassung Huelles und Hrabals unterscheidet sich. Bei Bohumil Hrabal, in der scheinbar unbeweglichen Ära des Sozialismus lebend, ist Geschichte etwas Statisches: Es gibt einerseits die Epoche vor dem Kommunismus, gleichermaßen ein der Zeit entrücktes Goldenes Zeitalter. Und es gibt andererseits die unwandelbare Gegenwart.

Bei dem 1957 gebornenen Huelle dagegen hat Geschichte eine diabolische Dynamik - von der Epoche der Republik geht es in die Kriegs- und Besatzungszeit, von da zum Kommunismus, von da zum Kapitalismus. Doch es wird nicht besser, nur anders: „Zuerst hieß sie große Allee, dann Hindenburg-Allee, dann Adolf-Hitler-Allee, dann Rokosowekiego und schließlich Siegesallee (...) durch die Allee zogen von der Oper zur Innenstadt Fackelzüge, von der Innenstadt zur Oper Erste-Mai-Umzüge und irgendwo im unsichtbaren Strom der Zeit vermischten sich all die Hakenkreuze, Hämmer, Sicheln und Orchester (...)“.

Und auch die neue demokratisch-kapitalistische Epoche bringt nicht die beste aller denkbaren Welten: „Da auf die These der Fackelzüge die Antithese der kommunistischen Märsche gefolgt und wieder vorübergegangen war, kam endlich (...) die Zeit der Synthese, der rücksichtslosen schöpferischen Tätigkeit, der Arithmetik des bloßen Gewinns, reingewaschen vom Schmutz überflüssiger Ideen.“ Es ist die Zeit von Betrug, Korruption und Prostituierung.

Wer Polen kennen und verstehen lernen will, seine Geschichte und seine Gegenwart, wer melancholischen Humor dem heroischen Pathos vorzieht - der sollte dieses Buch von Pawel Huelle lesen.  (tro)

Pawel Huelle: Mercedes Benz. Aus den Briefen an Hrabal. Aus dem Polnischen von Renate Schmidgall. Verlag C.H. Beck 2003, 160 Seiten, 17,90 Euro.

Polnische Schelme auf wodkagetränkter Wanderschaft
Marek Lawrynowicz schreibt eine köstliche Satire über Nationalismus, Kommunismus und Fremdherrschaft

„In dieser Zeit ereignete sich etwas, was die Familie von Großvater Antoni erschütterte: Onkel Mietek wurde Kommunist. Schon oft hatte ihm der Großvater in Momenten des Zorns eine üble Zukunft als Räuber und Bandit prophezeit, aber dass es so schlimm kommen würde, hätte er nicht gedacht.“

Großvater Antoni und Onkel Mietek sind Mitglieder der polnischen Großfamilie, deren Schicksal Marek Lawrynowicz in seinem Roman „Der Teufel auf dem Kirchtum“ beschreibt. Da ist Mietek, der Kommunist, der es sich schließlich auf dem Lande mit Wodka bequem macht, während das Paradies der Arbeiter und Bauern auf polnischer Erde eingerichtet wird. Da ist Edward, der tiefgläubige Katholik, der es angesichts des irdischen Jammertals vorzieht, sich zu Tode zu träumen. Und da ist der Literat Henryk, der nie so recht weiß was er will und schließlich als Russischlehrer vor einer polnischen Klasse endet - die Kleinen freilich strecken ihm kollektiv die Zunge heraus.
Die Mitglieder dieser Großfamilie sind immer unterwegs: Zwischen dem einst russischen, dann polnischen, dann sowjetischen, heute litauischen Wilna, dem einst österreichischen, dann polnischen, heute ukrainischen Lemberg und dem einst deutschen, heute polnischen Schlesien sind sie auf steter, oft unfreiwilliger Wanderschaft. Genau so weit wie der räumliche ist der zeitliche Horizont der Geschichte: Er reicht vom Ersten Weltkrieg bis in die sowjet-sozialistische Epoche Polens.

Im Unterwegs-Sein und den zahlreichen damit verbundenen Prüfungen und Abenteuern hat das Werk von Lawrynowicz durchaus die Struktur des klassischen Schelmenromans. Doch der Schelm dieses Romans ist nicht ein Einzelner, sondern eine ganze Sippe, die stellvertretend für die polnische Nation steht. Und eine Moral von der Geschicht, eine sittliche Läuterung, gibt es nicht - es gibt nur das Lachen über die Absurdität der Geschichte - die, anders als von Hegel und seinem Adepten Marx behauptet, bei Lawrynowicz schlichtweg sinnfrei ist.

Mit leichter Hand skizziert der Autor ironische Miniaturen örtlicher Sitten und Stämme, seien es die weißrussischen Bauern, die wenigen in Schlesien nach dem Zweiten Weltkrieg verbliebenen Deutschen oder die Polen selbst. Da sind etwa seine Großeltern, denen beim Umsiedeln nach Wilna schon auf dem Bahnhof der Koffer geklaut wird: „Oma hatte von vornherein gewusst, dass sie bestohlen werden würde, sie wartete darauf und schrie nur aufgrund der langen nervlichen Anspannung.“ Und weiter: „Auf dem Weg vom Bahnhofsgebäude zur Droschke wurde dem Großvater das Portemonaie entwendet; als er ausstieg, um nachzuschauen, ob er es vielleicht trotzdem noch hatte, wurde der Zettel mit den  Adressen der Verwandten gestohlen, die sie in Wilna erwarteten. Wie sie unter diesen Umständen in die Ulica Kalwaryska gelangten, wissen wir nicht.“

Oder dieser Dialog über polnische Trinksitten:
Gastgeber: „Wanda hol Wodka!“
Gast: „Ich trinke nicht im Dienst!“
Gastgeber: „Wanda! Hörst du? Nicht Wodka, Wein!“
Denn Trinken heißt Wodka.

Die Buntheit des eigenen Lebens mag dem Autor zu seiner Fülle an bunten Geschichten und prallen Anekdoten verholfen haben. Lawrynowicz, Jahrgang 1954, verdiente sich seinen Lebensunterhalt mal als Arbeiter, mal als Konditor, mal als Buchhändler, bis er schließlich begann, Satiren für den Rundfunk zu schreiben.

Zur Zeit betreut er die Sparte Satire als Redakteur beim Warschauer Rundfunk. Seine Radioerfahrung erklärt wohl auch, warum sich das Buch außergewöhnlich gut liest - ein Vorteil, der von Dunkelheit liebenden Deutschen freilich oft als leichtfertige Oberflächlichkeit missverstanden wird. Doch wer so schreibt, dass man den Text danach gut vorlesen kann, der schreibt eben gut - diese alte Redakteursweisheit bewahrheitet sich auch bei Lawrynowicz.

Der Roman erschöpft sich nicht in einer Fülle von gut erzählten Satiren und das macht seinen literarischen Wert aus. In diesem irdischen Schlamassel, so die hintergründige Botschaft, hilft weder Katholizismus noch Kommunismus, weder polnischer Nationalismus noch sowjetischer Internationalismus.
Es gibt keine Helden - nur Täter und Opfer. Auch die kleinen Fluchten wie Wodka, Kopulation oder Musik schaffen allenfalls kurzfristige Linderung. Marek Lawrynowicz setzt auf das Spiel mit dem Schein des Seins - und die befreiende Kraft des Gelächters.

Marek Lawrynowicz: Der Teufel auf dem Kirchturm. Aus dem Polnischen von Renate Schmidgall. C.H. Beck Verlag, München 2000, 208 Seiten, 18,41 Euro.



Von Ewald Trojansky
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