Amnesty International: Tschechische Romakinder werden in Sonderschulen abgeschoben
Mit Romani als Unterrichtssprache wäre Tomáš H. kein Sonderschüler. Er muss noch viel lernen, sagt seine Klassenlehrerin Jitka Kovaříková. Sie versteht nicht, warum er sich gerade jetzt so hängen lässt. Tomáš ist 15 Jahre alt, ein leidenschaftlicher Billardspieler, beliebt und engagiert. Letztes Jahr bekam er eine Belobigung und war sogar Klassensprecher. Dennoch fängt er an, nachlässig zu werden. Ausgerechnet jetzt, wo es drauf ankommt, eine weiterführende Schule besuchen zu können. „Ich habe sowieso wenig Chancen, dorthin zu kommen“, murmelt Tomáš.
Er ist Rom und fühlt sich deswegen minderwertig. Zu oft wurde er wegen seiner Hautfarbe verurteilt. „Die Schüler leiden unter ihrem Image, haben Komplexe und sind verunsichert, sobald sie mit der Welt draußen in Kontakt treten sollen“, sagt Bohuslav Hudema, der Direktor der Sonderschule für „Kinder mit leichten geistigen Behinderungen“ im Prager Stadtteil Vinohrady.
Offizell gibt es in Tschechien seit dem Jahr 2006 keine Sonderschulen mehr. Aufgrund heftiger Kritik aus dem In- und Ausland wurden sie in „Praxisbezogene Grundschulen“ umbenannt. Zwar besitzen diese denselben Status wie normale Grundschulen, sie sind jedoch mit einem speziellen Lehrplan für Kinder mit „leichter geistiger Behinderung“ ausgerichtet. Laut zahlreichen Lehrerverbänden und Mitarbeitern des Schulministeriums habe sich außer der Namensgebung allerdings nichts geändert.
Im Pausenhof der „Sonderschule“ spielen sich ganz normale Szenen ab. Wer gern prügelt, wird oft geschlagen. Gewalt kennen viele Jugendliche von Zuhause aus. Die dunklen Flure schlagen aufs Gemüt. Das Mobiliar ist älter als die meisten Lehrer. Dennoch herrscht gute Laune statt Zukunftsangst. Tomáš wirkt auf Anhieb sympathisch. Mädchen haken sich gerne bei ihm ein. Der Umgang untereinander ist herzlich. Warum sollte jemand wie Tomáš in Prag keine Arbeit finden?
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Von Martin Preusker