Adoptionsnovelle diskriminiert Paare weiterhin, aber keiner protestiert
Sollen die rund 900 in Tschechien registrierten schwulen und lesbischen Paare sich über den Vorstoß von Michael Kocáb freuen? Das Vorhaben des Ministers für Menschenrechte, das Adoptionsverbot für homosexuelle Paare in registrierter Partnerschaft abzuschaffen, ist zu begrüßen.
Es würde die registrierte Partnerschaft aufwerten, die bisher mehr Nachteile als Vorteile mit sich bringt, weswegen viele homosexuelle Paare nicht den Weg ins Standesamt gehen. Doch selbst wenn der Gesetzesentwurf einmal durchgesetzt wird, würde sich die Situation gleichgeschlechtlicher Familien kaum verbessern. Denn Kinder, die bereits mit zwei Müttern oder zwei Vätern aufwachsen, hätten weiterhin rechtlich gesehen nur ein Elternteil. Sobald dem gesetzlichen Elternteil etwas zustößt, hat das zweite Elternteil kein Sorgerecht mehr und das Kind könnte in einem Waisenhaus enden, anstatt bei der vertrauten Person zu bleiben. Das ist skandalös.
Ärgerlich ist aber auch, dass Tschechiens LGTB derweil zu schlafen scheinen. Den Gesetzesentwurf haben einige Gender-Aktivisten auf den Weg gebracht, doch stützen sie sich allein auf eine verfassungsrechtliche Argumentation – vermutlich aus strategischen Gründen. Eine öffentlichkeitswirksame Bewegung, die auf der Straße für die Anerkennung der gleichgeschlechtlichen Familie agitiert, ist derzeit nicht in Sicht. Traurig genug, dass selbst der zaghafte Schritt von Minister Kocáb, politisch schwer durchzusetzen sein wird.
Obwohl Tschechien als areligös und liberal gilt, herrscht auch hierzulande eine latente Homophobie. Bezeichnend ist der einzige längere Beitrag zur Gesetzesnovelle, in dem die Tageszeitung „Hospodářské noviny“ allein ablehnende Meinungen tschechischer Psychologen zitiert, die vor angeblichen negativen psychischen Folgen für Regenbogenkinder warnen. Diverse Studien haben dies längst widerlegt.
Von Nancy Waldmann