Das Nationaltheater erobert einen kontroversen Raum zurück
Nachtspeicherofen – lautet einer der Spitznamen, die die Prager dem umstrittenen Gebäude der „Neuen Bühne“ des Nationaltheaters gegeben haben. Angesichts der über 4000 Kacheln aus grünem Marmor – jede von ihnen 40 Kilogramm schwer – die die fensterlose Oberfläche des monolithischen Gebäudeteils bedecken, ist dieser Vergleich nicht unberechtigt. Dass der Bühnenraum in einen „Ofen“ verfrachtet wurde, entspringt allerdings auch dem praktischen Anliegen, das im Jahre 1983 eingeweihte Gebäude vom Lärm der Straße Narodní třída zu isolieren.
Kontroversen weckt es nicht nur wegen seiner mutigen und streitbaren Ästhetik und dem architektonischen Bruch, den es inmitten der Altbausubstanz bildet. Vor allem der Architekt erntete viel Kritik wegen des Theaterbaus. Sein Name steht nicht nur für die Anpassung an die herrschenden Bedingungen in einem totalitären Regime, sondern für jemanden, der den real existierenden Kommunismus radikal und kreativ bejahte und sich im herrschenden System verwirklichen konnte.
Die Rede ist von Karel Prager (1923-2001), der bis heute in der Öffentlichkeit und in Künstlerkreisen eine persona non grata ist. Das Projekt der Neuen Bühne, Prags unübsehbare Reminiszenz an Prager und den Kommunismus, gehört 20 Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs zu den neuralgischen Punkten der tschechischen Gesellschaft.
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Von Nancy Waldmann