LGTB-Aktivisten im Gefecht gegen alte Vorurteile, rechtliche Diskriminierung und die eigene Passivität
„Gay Prides wie im Westen gibt es bei uns nicht“, konstatiert Zdeněk Sloboda. „Schwule und Lesben sind hier nicht stolz auf ihre Identität.“ Der Soziologie-Doktorand und Gender-Forscher sitzt im Café „Erra“. Die Eingangstür ziert eine Regenbogenflagge. Es ist eines von wenigen Treffpunkten von LGTB (kurz für: Lesbian, Gay, Transgender, Bisexual) in Prag. Sloboda ist skeptisch. „LGTB leben in Tschechien noch immer passiv und zurückgezogen.
Öffentliche Outings von prominenten Persönlichkeiten gab es bislang kaum, bloß von einigen Schauspielern und Leuten aus dem Showbiz, aber von keinem einzigen Politiker oder öffentlichen Amtsträgern, auch von keiner Frau. Lesben sind nahezu unsichtbar in der Öffentlichkeit.“ Es gäbe verschiedene Splittergruppen. Sie würden sich in bestimmten Kneipen treffen, spielen Fußball oder machen Sport. Alle blieben eher unter sich. Von einer Szene könne keine Rede sein, so der Mitarbeiter der Prager Organisation Gender Studies. „Das ist ein Unterschied zum Westen, wo sich eine eigene Kultur entwickelte und es auch Synergien zwischen schwulen und lesbischen Gruppen gab.“
Sloboda sieht einen Grund im Erbe der kommunistischen Epoche als Homosexualität öffentlich überhaupt nicht existierte. Man sei mit dem Strom geschwommen und machte Privates nicht öffentlich. Symptomatisch seien dafür die „Darkrooms“, wenig beleuchtete Räume in gay-freundlichen Diskotheken, in die man sich ungesehen mit seinem Partner zurückziehen kann und die hierzulande sehr verbreitet seien, so Sloboda. Homosexualität in Tschechien werde zudem, besonders im Ausland, stark mit Sextourismus und mit der Pornoindustrie assoziiert.
„In Tschechien und der Slowakei werden schätzungsweise 30 bis 40 Prozent der weltweit existierenden Pornos mit vorwiegend homosexuellen Inhalten produziert. Mehr als einmal wurde ich, weil ich Tscheche bin, in Westeuropa und in den USA auf der Straße gefragt, ob ich ein „Belami-Boy“ sei, also ein Darsteller für eine tschechische Pornoproduktionsfirma“, erzählt Sloboda. All das stärkt gängige Klischees über Homosexualität, beispielsweise dass Schwule häufig ihre Partner wechseln würden und AIDS hätten.
Der junge Wissenschaftler, der unter anderem in Deutschland studiert hat, legt gern den Maßstab mit „dem Westen“ an. Im Vergleich mit anderen postsozialistischen Staaten und selbst mit vielen westlichen Staaten ist die Situation von LGTB in Tschechien allerdings relativ fortschrittlich. Der LGTB-Aktivisimus wird zwar nur von einer Hand voll Leuten getragen, aber er ist existent und hat durchaus Erfolge zu verbuchen. 2006 trat das Gesetz zur registrierten Partnerschaft in Tschechien in Kraft.
Dahinter stand einerseits die „Gay Initiative“, angeführt von Jiří Hromada, seit den 90ern Tschechiens bekanntester öffentlich auftretender Schwuler, andererseits die „Gay and Lesbian League“, ein etwa 10-köpfiger Zusammenschluss von Repräsentanten verschiedenster schwuler und lesbischer Gruppen.
Den gesamten Artikel können Sie in der Druckausgabe der Prager Zeitung oder in unserem ePaper lesen.
Von Nancy Waldmann