Die deutschsprachige Literatur ist in der Neustadt zuhause
Vor genau einem Jahr starb die letzte deutschsprachige Erzählerin Prags. Was der Nachwelt von Lenka Reinerová erhalten bleibt, sind zum einen ihre Werke, zum anderen eine Einrichtung, die in Tschechien ihresgleichen sucht. Denn Reinerová ist es zu verdanken, dass es in der Hauptstadt ein Literaturhaus gibt. Die Idee, eine Institution ins Leben zu rufen, die an die deutschsprachigen Literaten ihrer Heimat erinnert, hatte sie bereits in den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Doch die Niederschlagung des Prager Frühlings setzte ihrem Traum ein jähes Ende – vorerst.
Denn im Herbst 2004 sollte er in Erfüllung gehen: Gemeinsam mit dem ehemaligen tschechischen Botschafter in Deutschland, František Černý, und der Prager Franz-Kafka-Gesellschaft gründete Reinerová den Stiftungsfonds zum „Prager Literaturhaus deutschsprachiger Autoren“. Fortan wurden Autorenlesungen, Zeitzeugengespräche und Begegnungen mit Autoren organisiert. Reinerovás Wunsch, auf das deutschsprachige Kulturerbe und seine literarische Tradition hinzuweisen, nahm Gestalt an.
Die Eröffnung einer eigenen Begegnungsstätte blieb Reinerová hingegen verwehrt. Am 17. Mai 2009, dem 93. Geburtstag der Schriftstellerin, präsentierte das Literaturhaus der Öffentlichkeit erstmalig seine neue Heimstatt. Das Gebäude, das sich in einem Innenhof der Ječná-Straße befindet, ist seitdem für Besucher zugänglich. „Der Standort ist nicht zufällig gewählt. Nur wenige Meter entfernt, in der Straße Štěpánská, befand sich das Deutsche Akademische Gymnasium, das auch Lenka Reinerová besuchte“, erklärt die Leiterin des Literaturhauses, Lucie Černohousová.
Das Prager Literaturhaus vereint nun einen Ausstellungs-, einen Veranstaltungsraum und eine Bibliothek unter einem Dach. Bisher ist das Gebäude nur mittwochs zwischen 9 und 12 Uhr sowie nach vorheriger Absprache zu besichtigen. Die Präsenzbibliothek, die nach Lenka Reinerová benannt ist, sei mit rund tausend Bänden deutschböhmischer und -mährischer Autoren die derzeit vollständigste Sammlung deutschsprachiger Literatur aus den böhmischen Ländern in Tschechien, so Černohousová. Zu sehen ist zudem ein Teil der Exposition „Tripolis Praga“, die die verlorene Dreieinigkeit und Rivalität zwischen deutscher, tschechischer und jüdischer Kultur in Prag um 1900 vorstellt. Die Präsentation soll im kommenden Frühjahr einer von Kurt Krolop und Julia Hadwiger konzipierten Dauerausstellung weichen, die sich der deutschsprachigen Literaturszene in der Moldaumetropole widmet.
Die Eingangshalle des 160 Quadratmeter großen Hauses soll als Lesesaal und Veranstaltungsort genutzt werden. An die Gründerin Lenka Reinerová erinnert ein Schreibtisch, ein gepolsterter Stuhl und die Schreibmaschine, mit der sie ihre Gedanken zu Papier brachte. „Ihre Privatbibliothek, die sich momentan noch in ihrer Wohnung in Smíchov befindet, wird voraussichtlich im September ins Literaturhaus gebracht“, so Černohousová.
An dem Haus, wo die am 27. Juni 2008 im Alter von 92 Jahren verstorbene Schriftstellerin einen Großteil ihres Lebens verbrachte, wird an ihrem ersten Todestag eine Gedenktafel enthüllt. Am Abend soll im Kino Světozor die tschechische Ausgabe von Reinerovás Erzählband „Schiffskarte“ vorgestellt werden.
Veranstaltungen finden regelmäßig statt. So gab es seit Beginn dieses Jahres eine Lesenacht in einem deutsch-tschechischen Kindergarten, Workshops an Grund- und Mittelschulen wurden angeboten. „Außerdem stellten wir uns auf der Leipziger Buchmesse vor – und erhielten dort positive Resonanz“, freut sich Leiterin Černohousová.
Über fehlende Arbeit kann sich die Germanistin und Musikwissenschaftlerin nicht beklagen, nur die finanzielle Situation behindere oftmals die Planung der Projekte – trotz der Unterstützung von Stiftungen, Unternehmen und Partnerinstitutionen, ohne die das erste Literaturhaus in Tschechien nicht denkbar wäre. Zum fünften Gründungsjubiläum am 8. September soll das Gebäude in der Neustadt von Montag bis Freitag für Interessenten geöffnet sein. Im Spätsommer sollen zudem wieder die Lesenachmittage „Kaffee-Kuchen-Literatur“ im Prager Zentrum stattfinden, bei denen namhafte und auch weniger bekannte Autoren deutscher Sprache vorgestellt werden. „Denn unser Anliegen ist es, die gesamte deutschsprachige Literatur in den böhmischen Ländern zu thematisieren – im Gegensatz zu einem kommerziellen Kafka-Museum“, erklärt Černohousová. So wie es sich Lenka Reinerová gewünscht hat.
Prager Literaturhaus deutschsprachiger Autoren, Ječná 11, Prag 2, geöffnet: mittwochs 9 bis 12 Uhr und nach Absprache, Tel. 222 540 536, www.prager-literaturhaus.com
Von Marcus Hundt