Über das unterschiedliche Schicksal zweier für „verrückt“ erklärter Frauen
Filipov/ Philippsdorf in der Nähe von Rumburk/Rumburg wird auch das „nordböhmische Lourdes“ genannt. Diese Bezeichnung geht auf ein Ereignis von vor 150 Jahren zurück. In Philippsdorf erschien der kranken bettlägerigen Magdalena Kade in der Nacht vom 12. auf den 13. Januar 1866 die Mutter Gottes. Sie soll ihr Heilung versprochen haben. Die Siechende war daraufhin sofort von allen psychischen und physischen Leiden befreit. Die Kirche hat dieses Ereignis offiziell „anerkannt“. In Magdalenas Haus wurden Andachten gehalten und immer mehr Leute suchten sie um ihren Rat auf. Knapp 20 Jahre nach dem Ereignis wurde an der Stelle, wo das Haus stand, in dem Maria lebte, der Bau einer prächtigen Basilika fertig gestellt. Diese erhebt sich bis heute über der sonst eher beschaulichen böhmischen 4000-Seelen-Gemeinde. In der Hoffnung auf Hilfe und Heilung kommen jedes Jahr zahllose Pilger und besuchen das Gotteshaus, das Papst Pius XI. zur „Basilika Minor“ ernannt hat. Magdalena wurde nach ihrem Tode im Jahre 1905 in der Gruft der Kirche beigesetzt und ist als die „böhmische Bernadette“ in die Geschichte eingegangen.
Über das Schicksal der Magdalena Kade hatte der Zeitgeist gnädig gerichtet. Ihre Großnichte Marie sollte rund 60 Jahre später weniger Glück haben. Sie bildete sich 1928 ein, sie sei Jesus. Als „verrückt“ wird die unter Schizophrenie leidende Frau nach einem Ausbruch in verschiedene Anstalten gesteckt und von den Nationalsozialisten als „unwertes Leben“ im Rahmen der NS-„Euthanasie“ im Februar 1942 ermordet. In „Maries Akte“ deckt die Journalistin Kerstin Schneider den Fall ihrer Großtante Marie auf. Bei der Spurensuche stößt die Autorin auf viele, kleine sorgsam gehütete Familiengeheimnisse. Am Ende gelingt es ihr, Maries mutmaßlichen Mörder ausfindig zu machen und sie enthüllt einen bislang unbekannten Skandal um einen NS-Verbrecher.
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Kerstin Schneider: Maries Akte, Weissbooks, Frankfurt 2008, ISBN 978-3-940888-02-0, 19,80 Euro
Von Anneke Müller