Ein Hauch Südfrankreich weht durch die Auberge de Provence
„So schmeckt der Süden“ untertitelt das Prager Restaurant La Provence seine Speisekarte. Aber so richtig wie in der Provence sieht es erst etwas außerhalb Prags aus. Auf der Schnellstraße 7 Richtung Chomutov zwei Abfahrten nach dem Flughafen Praha-Ruzyně führt der Weg von hinten in das kleine Dorf Tuchoměřice und damit direkt zu dem Hof der Auberge de Provence, die sich etwa beim Ortseingang auf der linken Seite befindet.
Das einstöckige Gebäude war im 17. Jahrhundert noch ein Jesuitenkloster, während der beiden Weltkriege ein Lazarett und später ein Lager für die Filmstudios Barrandov. Nachdem das Haus in den Neunzigern völlig herunterkam, konnte erst 2003 nach aufwändigen Restaurierungen wieder Leben eingehaucht werden. Schon beim kleinen Vorgarten und erst recht beim Betreten des Restaurants ist französisches Flair zu spüren, das sich wie ein vollkommener Duft bis in den Gastraum fortzieht – Eigentümer Erich von den Bergh ist kein Franzose, sondern Belgier. Daher auch die große Auswahl an 15 mehr oder weniger starken belgischen Bieren. Unschlüssig, welche Marke es nun sein sollte, wurde beim einheimischen Kellner nachgefragt: Er empfiehlt überraschenderweise Pilsner Urquell.
Damit trifft er sicherlich den Geschmack der meisten Gäste, denn die Hälfte der Besucher stammt aus Prag, viele kommen sogar aus den umliegenden Orten, in denen ein Gastronomieangebot auf so hohem Niveau fehlt. Ausländer stellen die Minderheit dar, allerdings werden dort viele Konferenzen und Firmenanlässe begangen. Die Auberge de Provence ist auch der richtige Ort für ein romantisches Dinner zu zweit bei Kerzenschein oder für einen gemütlichen Sonntagmittag mit Freunden oder für Familienfeiern.
Das rustikale Interieur unterstreicht die Vorstellung eines romantischen Lokals in Südfrankreich. Von den Trägerbalken hängen geflochtene Körbe und Landwirtschaftsinstrumente herunter, an den Wänden erinnern unzählige alte Fotos und Gemälde an bessere Zeiten, während die breiten Holztische mühelos den Spagat zwischen bäuerlichem Eindruck und elegantem Ambiente schaffen.
Es geht auf eine kulinarische Reise durch Belgien und Frankreich. Die Zutaten stammen teilweise aus dem eigenen Kräuter- und Gemüsegarten und stehen somit für Frische und Qualität. Als Vorspeisen empfehlen sich Bruschetta Provencal mit Basilikum oder die böhmische Pilzsuppe mit Pfifferlingen. Wer mag, wählt alternativ die Schnecken in kleiner Tonpfanne. Aus dem flämischen Belgien stammt als Hauptspeise deren Nationalgericht Waterzooi – ein bekannter Eintopf in tiefem Teller mit viel Gemüse. Die Reise führt beim „Choucroute garnie d’Alsace“ ins Elsass, ein weiteres Eintopfgericht mit Wurst, Sauerkraut und Kartoffeln. Ein Gedicht ist das saftige Rumpsteak mit herrlichen belgischen Pommes Frites, die bekanntlich dort erfunden wurden. Die Auswahl an französischen Gerichten reicht von „Coq au Vin de Bordeaux“ über Bouillabaisse - einer südfranzösischen Fischsuppe - bis zu Steak Tatare. Als Dessert gibt es belgische Waffeln. Es lohnt sich übrigens, zwischen den Gängen Pausen einzulegen.
Dank der Qualität der Speisen, ihrer Dekoration und der Bedienung steht die Auberge für erstklassige Gastronomie, die außerhalb von Prag ihresgleichen sucht. Die unabhängigen Testesser des Prager Gastronomieführers Maurer 2008 sahen es genauso und hievten diese Enklave aus der Provence auf die Nummer vier der besten Restaurants Tschechiens. Entsprechend fallen die Preise aus: Vorspeisen und Suppen reichen von 125 bis 385 Kronen, Hauptgänge von 285 bis 680 und Desserts von 117 bis 365 Kronen. Für einen zauberhaften Moment mit den richtigen Personen ist es ein tolles gastronomisches Erlebnis. Der erste Eindruck bleibt: Hier fühlt man sich wohl und kommt gerne wieder zurück.
Auberge de Provence, U Špejcharu 355, 252 67 Tuchoměřice, Tel. 220 951 083, www.tuchomerice.cz, Mo-Fr 11-23, Sa-So 12-23h
Von Gunnar Habitz